Berlin, 1. Dezember 2010 - Das iPad ist seit seiner Einführung äußerst positiv aufgenommen worden. Eine Vielzahl von Apps wurde bereits dafür entwickelt und wie bereits beim iPhone zeichnet sich ab, dass Apple mit dem iPad nicht nur ein neues Gadget kreiert hat. Durch die Erschaffung eines qualitativ neuartigen Geräts mit neuen Interaktionsmöglichkeiten und Nutzungsszenarien wird ein neues Kapitel im Bereich Mobile Usability aufgeschlagen.
Doch wie schneiden iPad Apps im täglichen Gebrauch ab? Der Berliner Anbieter für User & Brand Research eye square ist dieser Frage in einer Studie nachgegangen, mit dem Ziel Design-Empfehlungen für iPad-Produkte abzuleiten. Dabei wurden Methoden eingesetzt, die auch das implizite Nutzerverhalten betrachten.
Testsetting und Methoden
An der User Experience Studie im eye square Lab in Berlin nahmen jeweils sechs Männer und Frauen im Alter zwischen 18 und 41 Jahren ohne Vorerfahrung mit dem iPad teil. Sie hatten 30 Minuten Zeit sich mit fünf verschiedenen eJournal-Apps zu befassen: The Iconist, ein Magazin, das es nur für das iPad gibt, Wired, Vogue, Der Spiegel und die Abendzeitung Nürnberg. Die Testpersonen konnten das iPad ganz normal in die Hand nehmen und frei wählen was sie wie lange ansehen oder lesen.
Während der Rezeption wurde ihr Nutzerverhalten auf Video aufgezeichnet. Außerdem wurden implizite Methoden eingesetzt: mit einer Eye Tracking Brille wurde der Blickverlauf registriert und darüber hinaus eine Hautleitwert- und EEG-Messung durchgeführt. Im Anschluss an diese Verhaltensbeobachtung wurden die User in einem qualitativen, fragebogen-gestützten Interview befragt, um ihr Nutzungsverhalten besser zu verstehen.
Ergebnisse: fehlende Standards und verschenktes Potenzial
eye square zeigt mit der Studie: aktuell sind drei Sorten von eJournal-Apps auf dem Markt: der Papier-Typ, z.B. Abendzeitung Nürnberg, der Hybrid-Typ wie die Spiegel-App und der iPad-optimierte Typ z.B. The Iconist oder Vogue. Die User kommen mit diesen Varianten sehr unterschiedlich zurecht.
Die „Papier“-App hält im Design am Gutenberg-Format fest und überträgt das Print-Layout nahezu vollständig auf den Tablet-PC. Verschiedene Ausgaben stehen zur Wahl, die Seiten sind aufgebaut wie im Print-Produkt – das macht sie auch in der App wiedererkennbar, jedoch sind die Schriften zu klein für das Lesen am Bildschirm und beim Zoomen verlieren die User leicht die Orientierung.
Hybrid-Apps sind solche, die in Aufbau und Design sowohl Elemente einer Papier- als auch einer Web-Version zeigen: Inhaltsverzeichnisse sehen aus wie Websites, für die Bedienung werden Buttons und Navigationshilfen eingesetzt, einzelne Artikel zeigen jedoch ein Layout wie gedruckt.
Sowohl bei Papier- als auch Hybrid-Apps zeigt die EEG-Messung: die Formate mit viel Text und „Umblättern“ wie bei einer echten Zeitung führen dazu, dass der Ruhelevel stetig abnimmt, während der Frustrationslevel steigt.
Die User zeigen sich enttäuscht, dass sich hinter einer zunächst grafisch ansprechenden Übersichtsseite ein textlastiger Artikel ohne zusätzliche Feature verbirgt. Die getesteten Apps nutzen zwar Internet-Metaphern und orientieren sich an iPhone Apps, sind jedoch nicht vollständig an das neue Device iPad angepasst. Damit verschenken sie ihr großes Potenzial, könnten allerdings stark gewinnen, wenn sie sich künftig noch stärker den Möglichkeiten des iPad öffnen, denn das iPad ist kein iPhone!
Intuitiv erlernbar und Bedienung mit Spaß
Apps, die für das iPad optimiert sind, bieten den Usern dagegen viele interaktive Elemente und die Möglichkeit Inhalte individuell anzupassen: so können die Nutzer den Text eines Artikels einfach mit dem Finger aus dem Bild schieben, um das vollflächige Foto besser betrachten zu können. Diese Art der Bedienung ist zwar neu für die Testpersonen, sie können diese aber schnell erlernen und übertragen sie sofort auch auf anderen Seiten.
Da die Bedienung nicht mehr über Navigationselemente läuft, sondern unsichtbar in der direkten Interaktion mit dem Content, stoßen die User häufig per Zufall auf eine neue Funktion, die sie dann spielerisch erlernen. Die Bedienung selbst macht also Spaß – ganz unabhängig vom Inhalt. Die iPad optimierten eJournal Apps bieten somit eine starke hedonistische Komponente, die es im konventionellen Print- oder Webbereich bei Zeitschriften oder Zeitungen nicht gibt bzw. die dort gar nicht möglich ist. Die User können also über den Joy of Use an das Produkt App gebunden werden.
Werbung wurde von den Testpersonen in diesem Nutzungsumfeld auch häufiger betrachtet, vor allem Video-Werbung wurde angesehen und als unterhaltsam eingestuft.
Die EEG-Messung bestätigt: iPad-optimierte Apps lassen die Entspannungswerte ansteigen. Auch wenn unbekannte Interaktionsformen zunächst für kurze Ausschläge beim Frustrationswert sorgen, werden die User im weiteren Nutzungsverlauf entspannter, der Frustrationslevel sinkt stetig, da die neuen Funktionen schnell erlernt werden können.
Fazit: Funktionen ausschöpfen und Stress abbauen
Gewinner der Studie sind die eJournal-Apps, die das neue Format iPad besser verstehen und sich auf die neue Interaktionsumgebung einlassen: Sie bieten die Möglichkeit Bild und Text getrennt voneinander nach individuellen Wünschen zu nutzen, betten Werbung in Form witziger Videos intelligent ein und nutzen das Potenzial des iPad mit einer Vielzahl neuer, unsichtbarer Interaktionsmöglichkeiten. Sie lassen sich intuitiv bedienen und erzeugen dadurch weniger Stress.
eJournal Apps, die ein Print- oder Web-Layout lediglich auf das iPad übertragen, nutzen diese Potenzial nicht aus und frustrieren die User eher. Hier kann durch eine stärkere Öffnung den Möglichkeiten des iPad gegenüber noch optimiert werden.
Das iPad ist ein neues Medium. Wer seine eJournal App geschickt daran anpasst, kann das ganze Potenzial hinsichtlich hedonischer Qualität, Benutzerfreundlichkeit und des Einsatz von Werbung voll ausschöpfen.
Sieben Design-Empfehlungen für eJournal-Apps
- Standards für eine unsichtbare und intuitive Bedienung
Bei der Gestaltung sollte man Interaktionsmöglichkeiten aufgreifen, die schon durch andere Apps bekannt sind, z.B. der Zwei-Finger-Zoom, Blättern durch wegwischen. Außerdem sollte auf „Web-Navigation“ über Buttons verzichtet werden und stattdessen die direkte Interaktion mit den Inhalten ermöglicht werden. Dafür sind neue Konventionen nötig, wie zu Beginn des World Wide Web. - Orientierung bieten
Inhaltsverzeichnisse und Übersichtsseiten geben den Usern Orientierung auch ohne Navigationsleisten. - Schnelle Erlernbarkeit neuer Funktionen
Apps, die neue Funktionen bieten müssen so gestaltet sein, dass sich dies schnell und spielerisch erlernen lassen. Außerdem müssen diese Funktionen dann konsistent eingesetzt werden, so dass sie sich auf die gesamte App anwenden lassen. - Content individuell rezipierbar machen
Eine dynamische Anordnung von Text, Bild und Video ermöglicht es dem User, die Inhalte selektiv zu nutzen, Bereiche direkt zu überspringen oder auszublenden. - Multimedia Inhalte
Vor allem Bilder und Videos werden von den Usern gern am iPad betrachtet. Daher sollten diese im Vordergrund stehen, z.B. durch aktuelle Video-Reportagen. - Potenzial für Werbung nutzen
Wenn Werbung intelligent und interessant in die App eingebunden wird, z.B. als unterhaltsames Video, hat sie große Chancen wahrgenommen zu werden. - Apps unabhängig anbieten
Bei Besitzern von iPad besteht Potenzial eine geringe finanzielle Barriere für den Kauf von eJournals. Daher sollten Publisher das Interesse nutzen und die Apps auch jenseits von iTunes zum Download oder Abo anbieten.
